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Einen "Mäc Start-up" bitte,… mit Cola ohne Eis!

EntrepreneurIn, Start-up, Ich-AG, Existenzgründung, EPU, usw. Viele reagieren zunehmend genervt auf den medialen, politischen und akademischen Hype rund um das Thema Unternehmensgründung. Doch was steckt wirklich hinter dem Rummel um all die Pitches, Geschäftsmodelle, Business Angels, Inkubatoren und Entrepreneurship-Events?

Mehr und mehr ZeitgenossInnen beschleicht der Eindruck, dass der Themenkomplex "Gründen und Unternehmertum" einer gewissen Inflation zu unterliegen scheint. Während also nicht wenige bereits mit den Augen rollen, werten andere besagten Boom als gutes Zeichen. Ebenso in Österreich, wo Delegationen und Honoratioren diverser politischer Lager sowie Einrichtungen stolz vor dem Google Campus in Mountain View (Kalifornien) posieren. Wieder zuhause, wird von den großartigen Eindrücken und Bekanntschaften berichtet sowie im selben Atemzug signalisiert, wie gut es um die heimische Gründerszene stehe und dass man weiterhin erfolgreich dran arbeiten müsse, Österreich zum Land der Start-ups und Entrepreneure zu transformieren.

Nach über zehnjähriger Tätigkeit als Gründungsberater muss ich jedoch resümieren, dass Österreich kein Eldorado für UnternehmerInnen ist und dass die jährlich mehr als 30.000 Neugründungen wenig Aussagekraft über Gründerfreundlichkeit, Nachhaltigkeit und Lebensqualität der NeounternehmerInnen zulassen!

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Verkäufer von „Tand und Firlefanz“ – eine Hipster-Hommage an die vorvergangene Jahrhundertwende.


Die österreichische GründerInnen-Szene

… lässt sich bequem in zwei Lager teilen – in ExistenzgründerInnen und Start-ups.

Worin liegt nun der Unterschied? Existenzgründung schafft in der Regel kaum nennenswerte unternehmerische Strukturen und dient vorrangig dem Erwirtschaften des Lebensunterhalts des/der UnternehmerIn; Unabhängigkeit und Selbstbestimmung sind weitere wichtige Motive. Leider scheitert jede/r Dritte in den ersten drei Jahren und die Grenze zum Prekariat ist fließend.
Start-ups wiederum sind sozusagen die „echten“ UnternehmerInnen; jene weisen i. d. Regel eine innovativ-strategische Zieldefinition/Vision in einem stark leistungs- und wachstumsorientierten Kontext auf. Zudem werden neue Geschäftsmodelle und Strukturen geschaffen sowie Ressourcen aquiriert und gemanagt. Somit entspricht ein Start-up am ehesten unserer Vorstellung, welche gemeinhin mit dem Unternehmertum im „sagenhaften“ Silicon Valley, assoziiert wird. Dessen ideologisch-technologische „Gründungsväter“ – und mitunter auch populärsten Leitfiguren, wie u. a. Steve Jobs – waren übrigens teilweise sehr stark von der Gegenkultur der 60er Jahre, zu welcher auch die Hippie-Bewegung gehörte, beeinflußt.
Und natürlich gibt es nicht nur Schwarz oder Weiß, sondern diverse Zwischenstufen und Entwicklungsprozesse, die vom einen zum anderen führen können.

Bei den jährlich mehr als 30.000 Gründungen in Österreich handelt es sich zu über 95% um Existenzgründungen (lediglich in Wien liegt der Start-up Anteil bei knapp 8%); und nur sehr selten schafft ein außerordentlich erfolgreiches Start-up wie Runtastic – das offenbar ewige Liebkind unserer Entrepreneurship-SpezialistInnen und Medien – den Weg ins internationale „Exit-Wunderland“.
Somit wird hierzulande eifrigst nach nationalen „Unicorns“ gesucht, wobei angemerkt sei, dass der „echte“ Unicorn-Club (also jene Start-ups, die mehr als eine Millliarde USD Wert erreichen) bei geschätzten 0,07% aller Tech-Start-ups liegt.

Der unvermeidbare Blick nach Kalifornien

Selbst Stanford-AbsolventInnen mit besten Zensuren erhalten in der Regel kein Kapital, wenn sie vorher nicht bereits mit einem oder mehreren „Ventures“ gescheitert sind. Man nennt dies das „principle of failing“ (Prinzip des Scheiterns); jenes lautet: fail early, fail fast, fail cheap, fail smart – and don’t fail alone! Das Scheitern wird in den USA somit als notwendige Erfahrung gesehen – mitunter sogar als eine Art Initiation: eine unternehmerische „Irrfahrt“ mit dem symbolischen „Tod“ (des Projektes oder Unternehmens), nur um danach wie „Phönix aus der Asche“ zu steigen und es beim nächsten mal – dank der zuvor gewonnenen Erfahrungen – besser/anders zu machen.
In Österreich hingegen ist man nach einer "Bauchlandung" quasi stigmatisiert und landet – allegorisch gesprochen – unter den Betonplatten einer muffigen Gruft am Wiener Zentralfriedhof; vom „Phönix“ keine Spur, denn nach einer Insolvenz darf hierzulande einige Zeit lang kein Gewerbe mehr ausgeübt werden, und die Banken sagen – falls man um einen Kredit für ein neues Unterfangen ansucht – nur kühl „der Nächste bitte“…

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American Style: „Ok,… so…did you ever fail? If not, we’re wasting my time here buddy…“


Businessplan und Pitch Deck – ich sehe, ich sehe… nichts!

Ganz gleich ob in den USA, Japan oder Österreich – wer für sein Vorhaben Fremdkapital benötigt, kommt an der momentanen „Standard-Prozedur“ kaum vorbei, und die bedeutet: „Ich sehe mich, mein Unternehmen, die Märkte, Zielgruppen und die ganze Welt in Zukunft dort und da.“ Wir sind also offenbar von jeder Menge Propheten und Seherinnen umgeben. Aber warum werden wir dann ständig von der Zukunft überrascht!? Warum gibt es Pan Am, Altavista und das ursprüngliche Nokia nicht mehr?

Die Zukunft lässt sich trotz aller Algorithmen (derzeit) nicht vorhersagen – schon gar nicht durch einen Businessplan in veränderungsschwangeren Zeiten.
Zukunft (kurz- wie langfristig) kann lediglich beschränkt antizipiert und konstruiert werden – und wenn, dann zumeist auf Basis dessen, wie wir uns heute die Zukunft vorstellen; hierzu greifen wir – um lineare oder idealerweise exponentielle Wachstumskurven zu konstruieren – zumeist auf die Vergangenheit und Gegenwart zurück, …oder auf Star Trek.


Wahrhaftige Visionäre und Innovatorinnen

… welche wirklich vorab zu erfassen und sehen vermögen, was an großen Erfindungen, Entwicklungen und Megatrends möglich ist/wird, betreten nur selten das Parkett. Jene werden zu Beginn (oder zu Lebzeiten) nicht selten verhöhnt, ausgegrenzt und verkannt. Carl Benz etwa (ich empfehle allen InnovatorInnen den Film „Carl und Bertha Benz“), oder Nikola Tesla sowie Ada Byron-Lovelace, welche 1843 die erste Programmiersprache entwickelte.

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Leider (oder zum Glück?) gibt es kein Tool, mit welchem jede/r einen Blick auf die Zukunft erhaschen kann.


Effectuation – was habe ich im Kühlschrank?

Glücklicherweise keimen auch in der wissenschaftlichen Disziplin des Entrepreneurships bereits seit einiger Zeit alternative Modelle auf, welche u. a. untersuchen, wie sog. Serial-Entrepreneurs agieren und wie sich diese Erkenntnisse unmittelbar auf ExistenzgründerInnen übertragen lassen können.

Bei Effectuation etwa geht es – grob gesagt – nicht darum, die Zukunft vorherzusagen, sondern jene aktiv zu gestalten. Hauptmerkmal ist der Ansatz, sich auf die vorhandenen persönlichen Ressourcen zu fokussieren und nicht darauf, was ich zur Erreichung eines abstrakten Ziels für Ressourcen und Herangehensweisen benötige. Sprich: ich öffne Kühl- und Vorratsschrank und schaue, was ich habe und was ich – ggf. mit anderen – damit zu kochen vermag. Der klassische Weg hingegen wäre, auf Basis eine Rezeptes (aka Businessplans) zu planen, einzukaufen und in einer festgelegten Reihenfolge zu schneiden, zu kochen und – gemäß des Fotos im hippen Kochbuch – zu servieren, um danach das Arrangement auf Instagram zu posten und auf viele Likes zu hoffen...

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Effectuation: was habe ich, was kann ich, wer hilft mir, wie viel kann ich mir leisten zu verbrauchen/verlieren, etc.


Woran es noch hakt – Förderungen und die Sozialversicherung

Start-ups – allem voran in der Kreativbranche – kämpfen hierzulande zudem nicht selten mit willkürlich anmutenden Förder-Procedures. Glück spielt/e zwar bei vielen Ventures eine Rolle, aber ein „Gründungs-Eldorado“ (siehe Einleitung) zeichnet sich m. E. dadurch aus, dass vielversprechende Ideen von staatlich sowie EU-gestützten Förderträgern in einem hohen Maße identifiziert sowie evaluiert werden und folglich eine echte Chance bekommen. Und weniger jene, wo nur schicke Quoten erfüllt werden, oder Team-Members interdisziplinär-kreativwirtschaftliche „Wunderwuzzis“ sein müssen…

ExistenzgründerInnen hingegen beißen sich oftmals an einem staatlich-monopolistischen Sozialversicherungswesen mit unverhältnismäßig hohen gewerblichen Pensionsversicherungsbeiträgen (18,5% des Gewinns vor SV u. ESt) die Zähne aus. Insgesamt ~28% des Gewinns müssen an die SVA abgeführt werden, und danach kommt noch die Finanz mit den üblichen Steuersätzen zum Zuge.

Die Politik sowie systemrelevanten Institutionen sollten sich hierzulande also mehr darauf konzentrieren, ein wahrhaftig fertiles Milieu für Gründungen aller Art zu schaffen! Ansonsten droht durchaus die „Züchtung“ eines neuen Prekariats, dessen Zugehörige – im Gegensatz zu Angestellten –, trotz unmittelbar höherer Abgaben durch die meisten sozialen Netze fallen (kein vergleichbares Krankengeld, keine gleichwertige Arbeitslosenversicherung, Selbstbehalte, etc.).

Nun könnte man meinen, Selbständige müßten per se bereit sein, höhere Risiken für sich selbst zu übernehmen. Ja, aber dann bitte in einem liberalisierten Markt für Sozialversicherungsträger!! In anderen Ländern sieht es da sowohl für Start-ups, als auch für ExistenzgründerInnen durchaus um einiges besser aus.

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Coming home for Christmas…


Fazit

Neo-UnternehmerInnen brauchen hierzulande somit – neben einem guten Konzept und den ohnehin speziellen Anforderungen (u. a. Gewerberecht u. Rechtsformen) – weiterhin einen langen Atem, eine hohe Frustrationstoleranz sowie mehr als überdurchschnittlichen Drive und Spirit, denn wie oben angesprochen, ist Scheitern hierzulande „nicht drin“…

Hinzu kommt noch, dass selbst im Erfolgsfalle „der Prophet im eigenen Lande“ oft wenig gilt. „Heimkehrern“ hingegen (insbesondere aus den USA) wird gerne der rote Teppich ausgerollt, sollten sie es in der Ferne „zu etwas gebracht“ haben; da genügt es oft schon, wenn man im Silicon Valley in irgendeiner nur mäßig erfolgreichen Klitsche mit 5 Leuten ein CVO oder „Head of something“ war. Kaum einer will sich jedoch dran erinnern, dass jene „Suchenden“ dereinst die Heimat verließen, um bessere Möglichkeiten und Chancen vorzufinden.
Unter besagten Heimkehrern befinden sich auch einige jener Business-Angels und Venture Capitalists, die nun – zurück in alten Gestaden – die lokalen Gründerszenen aufmischen und auf „Unicorn-Jagd“ gehen.

Kein Wunder also, träumen viele Millennials vom Job oder Start-up im „Valley“. Insbesondere, wenn sie auf einem der zahlreichen Gründer-Events – oftmals in überfüllten Fluren von hastig aufgezogenen Coworking-Facilities – ehrfürchtig und mit leuchtenden Augen den „Macher-Stories“ und High-Achiever-Affirmationen der „Entrepreurship-Gurus“ lauschen , während es scharf nach neuen Teppichfliesen stinkt und man Prosecco aus Plastik... – Verzeihung – hochinnovativen, weil unzerbrechlichen Polycarbonat-Gläsern trinkt.

Zu guter Letzt kann erfreulicherweise ausgesprochen werden, dass es – insbesondere im akademischen Umfeld – auch wirklich gute und attraktive Angebote gibt, um jungen innovativen Menschen (insbesondere StudentInnen und Alumni) in Punkto Start-ups auf die Beine zu helfen.
Hierbei werden u. a. im Rahmen von attraktiven Netzwerken „Rutschen“ gelegt, Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt und Unterstützungen bei der Lukrierung von Finanzierungen angeboten, ohne dass sogleich jemand an zukünftige Renditen für die Shareholder eines Venture Capital-Portfolios denkt…