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Covid-19 – kopfüber in die Digitalisierung?

Auf allen Kanälen wird seit März eifrig zu Lockdowns, Masken, social distancing sowie Ängsten, Sorgen und Chancen schwadroniert, diskutiert und auch gepoltert. So gut wie jede/r hat hierzu etwas zu sagen oder verkünden; das Spektrum reicht von abenteuerlichen Theorien/Dystopien, über mitunter vorauseilendem Gehorsam gegenüber virologischen Preprints, bis zu hin zu „Vorsehungen“ über den Eintritt in ein neues post-virales Zeitalter, in welchem die Menschen wieder als Kollektiv zueinanderfinden und eine neue Lebensqualität entdecken sollen.

Und ja - plötzlich ging alles ganz schnell! Heerscharen von Angestellten mussten über Nacht von zuhause aus arbeiten; und all jenes, was so manche Führungskraft oder GeschäftsführerIn bislang stur und vehement abgelehnt hatte („Vertrauen ist gut, Anwesenheit besser“), wurde nun von höchster politischer Instanz gewissermaßen zwangsverordnet.
So hockten nicht wenige unverhofft an einem Behelfsschreibtisch im Schlafzimmer. Natürlich (gemäß Knigge) entsprechend "gestaged", sodass die Webcam tunlichst ausschließlich den drapierten Ficus und die IKEA "Hemnes"-Kommode (im Landhaus-Weiß) – mit paar Reiseführern sowie Krimis darauf – aber bloss nicht die Wäscheberge nebst Bügelbrett erspähen. Während dessen klickten die Kids eifrig am Küchentisch und die „bessere Hälfte“ im Arbeitszimmer, um ihrerseits deren „Tele-Dings“ am Laufen zu halten…

Glücklich waren in dieser Situation auch jene, welche bezüglich Computer- und Recherchefähigkeiten insoweit fit waren, um Audio- und Videosignale in der jeweiligen Konferenz-Software selbsttätig einzurichten - also ohne längerfristig das soziale Umfeld oder IT-Abteilungen bemühen zu müssen.

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Auch wer Ahnung hat, war bisweilen genervt - von den vielen Hilfe-Rufen...


"Nicht schlecht" bedeutet nicht automatisch "gut"

Dieses unsichtbare Virus, welches – vom Namen her – manche von uns zuerst mal an laue Sommerabende in einem mexikanischen Backpacker-Hostel erinnert, zwang also viele, sich in Punkto EDV und digitale Technologien „Siebenmeilenstiefel“ anzuschnallen.
Auch Unternehmen und insbesondere Bildungseinrichtungen – von der Volksschule bis hin zur Universität – wurden durch die Umstände quasi genötigt, eiligst Lösungen zu finden und umzusetzen; so ganz ohne Ausschreibungen, Testläufe und bürokratische Eiertänze.

Anhand diverser Quellen kann mittlerweile abgeleitet werden, dass 80% der SchülerInnen, und Studierenden mit den eiligst zusammengestellten Lösungen und digital-didaktisch weitgehend unvorbereiteten LehrerInnen/Vortragenden technisch bzw. kommunikativ erreicht wurden.
Hoffen wir halt auch, dass – wenn sich der gute Pareto gar so offensichtlich anträgt – 20% von den Inhalten nachhaltig hängengeblieben sind; denn angeblich merken sich SchülerInnen selbst im Präsenzunterricht dauerhaft nur 15%, und Studierende vergessen anscheinend gar 90% dessen, was sie in Vorlesungen gehört/gelernt haben innerhalb von vierzehn Tagen (Quelle).

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Ernsthaft: für ehemalige Mexico-Backpacker bedeutet "Corona" primär: "vamos a la playa!"


(Neue) Normalität

Nun – wo sich Vieles in Richtung (neue) Normalität zu bewegen scheint – stellt sich die Frage, was aus den Erfahrungen/Erkenntnissen des Lockdowns destilliert werden kann. Es besteht nämlich durchaus die Gefahr, dass wir wieder in unsere alten Strukturen und Prozesse zurückverfallen, anstatt aus den Erfahrungen neue Möglichkeiten zu generieren, die so schlecht gar nicht sein müssen.

Skeptische ZeitgenossInnen mögen nun monieren, dass diese neuen Technologien und Methoden sich vor allem im Bildungssektor als untauglich erwiesen hätten und vermögen hierfür auch jede Menge Quellen zu zitieren. Jedoch kann das Distance-Learning, wie wir es grade erlebt haben, ein Fenster in die Zukunft gewesen sein, welches sich uns kurz eröffnet hat. Wer diese Ausblicke nicht nutzt, für den könnte die bekannte Weisheit "wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit" schlagend werden.

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Singapur - Inspiration und Blaupause für eine neue europäische Zukunft/Normalität in allen Bereichen?


Possibilismus statt Pessimismus?

Darüber zu lamentieren, wie schlecht und ineffektiv diese Tele-Technologien doch alle seien, bringt in vorherrschenden Zeiten nichts! Ich persönlich gehe davon aus, dass gewisse Aspekte, um Lehrinhalte digital zu vermitteln, in bestimmten Bereichen, Fächern, Phasen, etc. zukünftig standardmäßig zum Einsatz kommen.
Kombiniert mit dem klassischen Präsenzunterricht (welchen vorerst niemand zu 100% abzuschaffen gedenkt) entsteht hieraus das sog. Blended Learning – eine Mischung also, idealerweise mit dem Besten aus allen Teilbereichen und didaktisch abgestimmt auf Erkenntnisse, wie Inhalte bestmöglich sowie nachhaltiger vermittelt werden.

Eigentlich wäre schon alles da, aber bis auf Finnland (qualitativ das "beste Schulsystem der Welt") und paar wenige andere Nationen tut sich eher wenig. Ganz gegenteilig äugen die Gouvernancen liberaler "Leistungsträger-Volkswirtschaften" zunehmend "beeindruckt" gen Singapur und Co., wo Drill und unerbittliches Streben vom Säuglingsalter an Usus sind; wer nicht mithalten kann/will, landet im gesellschaftlichen und familiären Abseits.
In Finnland hingegen herrscht ebenso ein wirtschaftsliberales Paradigma mit Leistungsanspruch, aber ausbildungsmäßig setzt man auf andere Strategien und punktet nebenbei auch noch top bei PISA (worauf die Finnen jedoch wenig geben) – wovon Österreich allerdings nur träumen kann. Auch liegt die Universität Helsinki im weltweiten Ranking 38 Punkte vor der Universität Wien auf Platz 96 (Quelle).

An dieser Stelle muss ich die GegnerInnen andersartiger Ausbildungsmodelle "leider" enttäuschen – in Finnland findet sich so gut wie keine Spur von gängigen "Alternativ"-Stereotypen (z. B. "Hippie-Öko-Eltern" in Batikgewändern, die den ganzen Tag nur tanzen, singen, klatschen und Tofu essen). Ich kenne Finnland von vielen Besuchen gut und behaupte, dass es ein kaum pragmatischeres Volk gibt.

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Kaunis Helsinki - zumindest im Sommer...


Tantiemen – wie im Music-Biz?

Etwas diffiziler wird es mitunter dann, wenn Unterrichte und Lehrveranstaltungen zukünftig intern aufgezeichnet und dann on-demand gestreamt werden. Vor allem bei theoretischen Grundlagen ist dies an sich gut umsetzbar, und im Anschluss an den Stream gibt es ggf. eine „reale“ Diskussionsrunde per Video-Conferencing. Entlohnt wird hierbei gemäß view-counts - wie auf youtube oder Spotify.
Allenfalls werden die Streaming-Clips periodisch aktualisiert oder neu aufgezeichnet; doch wahrscheinlich ist, dass dieses Modell Einkommenseinbußen beim Lehrpersonal nach sich zieht.

Auch Zentralisierungen und Konzentrationen werden vereinfacht, wenn z.B. ein Vortragender mit einem einzigen Online-Kurs alle deutschsprachigen Depandancen eines Instituts bedient und nicht mehr persönlich zu bereisen braucht.

Auch sehe ich hierbei auf Vortragendenseite Herausforderungen bei Aspekten wie Humor, Aktualität (Verweise auf das unmittelbare Zeitgeschehen) sowie bei kritischen Hinterfragungen des Mainstreams. Besagte Hinterfragung fand allem voran im tertiären Bildungsbereich seit jeher seinen Platz; denn auch die "LeistungsträgerInnen" der Zukunft sollten in gewissen Situationen kritisch zu denken vermögen. Gute Entscheidungsfähigkeit braucht u. a. einen analytischen wie auch kritischen Blick auf die Dinge.

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Die langfristige Zukunftsvision vieler Lehrenden, Dozierenden und Vortragenden?

Ein aufgezeichneter Unterricht müsste im Zuge der Aufnahme also maximal objektiviert werden und dürfte u. a. keinerlei potentielle Spielräume für moralistische Reibungszonen in Bezug auf SchülerInnen bzw. Studierenden sowie auf das Kollegium in sich tragen (Stichwort "political correctness").
Sprich, Vortragende müssten die eigene Persönlichkeit – mit weitgehend allen subjektiven Bewertungen und exkursiven Erfahrungen abseits der verbindlichen Vorgaben – weitestgehend „neutralisieren“. Sozusagen ein möglicher evolutionärer Zwischenschritt, bevor (anscheinend) in paar Jahren künstliche Intelligenzen den Großteil des Lehrpersonals ohnehin ersetzen.


Weg mit den "fossilen Sedimenten"!

Also alles in allem gesehen durchaus herausfordernd und auf den ersten Blick für so manche nicht wirklich „berauschend“ oder gar realistisch anmutend. Fakt ist allerdings, dass wir mit dem klassischen Frontalunterricht (quer durch alle Ausbildungsstufen) heute immer weniger Kids und junge Menschen erreichen.
Und ja, der Frontalunterricht war immer schon „ätzend“, wie wir Generation X’ler in den 80ern zu sagen pflegten; es wurde halt durchgebissen, "geschlafen/geträumt" oder ab der Oberstufe gar geschwänzt.

Somit besteht nun die Möglichkeit, etwas Neues und ggf. Besseres aus der Taufe zu heben. Was jedoch keinesfalls heißen soll, dass es in Lehrplänen und Curricula nicht Module/Phasen geben darf, wo man zielstrebig und längerfristig konzentriert einem Unterricht, Werk oder einer Aufgabenstellung folgen bzw. gar ein Buch lesen muss; denn es kann keinesfalls darum gehen, die tw. immer kürzer werdenen Aufmerksamkeitsspannen vieler Kids als gegeben hinzunehmen – doch dieses Problem ist systemisch komplexer und müsste umfassend angegangen werden; auch die Eltern wären hier gefragt...

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Wer springt, muss vertrauten Boden hinter sich lassen...

Sprich – es geht allem voran darum, Methodik und Vermittlung von Erfahrung, Wissen und auch klassischem Unterrichtsstoff zielgruppengerechter (bzgl. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene) zu vermitteln. Dazu gehört m. E. auch, dass Teenager nicht um 6:30 Uhr aufstehen müssen sollten (die negativen Aspekte sind wissenschaftlich erwiesen).
Und nein – all dies muss nicht automatisch bedeuten, dass Lehre eine oberflächliche "Bespaßungs-Disziplin" werden muss. Gegenteilig erscheint ein rein "harmonieorientierter Kuschelkurs" ebenso unangebracht, denn die Psychologie als wissenschaftliche Disziplin vertritt den Konsens, dass auch das Entwickeln einer gewissen Frustrationstoleranz wichtig für die Reifung der Persönlichkeit ist.


Chancen für Start-ups

Vor allem für Start-ups tun sich nach Covid-19 Möglichkeiten auf, in Punkto Bildung und kollaborative Teleworking-Technologien neue und effektivere/effizientere Produkte und Dienstleistungen zu innovieren. Zudem dürften sich Prinzipien aus dem Blended-Learning auch auf Teleworking umlegen lassen - sprich "die Mischung macht's"!
Jedoch sollte unbedingt – ggf. im Sinne einer Art Customer-Journey – darauf geachtet werden, dass diese neuen Methoden sinngebend und -stiftend für die Zielgruppen (SchülerInnen, Studierende, etc.) 'rüberkommen und nicht nur reine Kostenreduktions- und Optimierungsmöglichkeiten.

Im Bereich des HR-Managements (Candidate Journey) und auch bei der Konzeption von digitalen Produkten und Services (User Experience Design) hat man bereits erkannt, dass insbesondere die Generationen Y und Z sich nicht mehr so ohne weiteres mit lieblosen oder überholten Konzepten, Produkten/Services sowie Abläufen zufrieden geben.
Manche mögen nun einwerfen, "die Jungen" seien eben "verhätschelt", verwöhnt und wären eben ihr ganzes bisheriges Leben von den Eltern und den Konzernen "bespaßt" worden. Aber dies – trotz so mancher Evidenz – undifferenziert als reine Killerargumentation aufzufahren, wäre zu einfach und fern jeglicher Basis für einen seriösen Diskurs, geschweige denn für Lösungsansätze.

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Papa's cooles "vintage" Arbeitszimmer forever... and ever,... and ever??

Ähnliches gilt für Home Office und das Stereotyp des hartnäckigen Misstrauens seitens ewiggestriger Führungskräfte, welche ihre MitarbeiterInnen träge am Sofa fläzend und Netflix-schauend wähnen, anstatt alles (!) für das Unternehmen gebend.

Ändert sich hier nichts, dürfte man sich eigentlich nicht wundern, wenn viele Junge immer weniger Lust an den Tag legen, mit all-in-Klauseln ins aktive Arbeitsleben einzusteigen – oft im Anschluss an unbezahlte Praktika und andere "Ausnutzungs-Settings" – und folglich lieber im "Hotel Mama" abchillen bzw. das dritte Studium in Angriff nehmen, anstatt sich "abzunabeln" bzw. eigene Wege zu beschreiten.


Fazit

Es gilt m. E., systemische Aspekte wie entgleiste Regelkreise und bislang unbeachtete Wechselwirkungen zwischen den beteiligten Bereichen und Disziplinen zu erfassen, welche zu diesen teils globalen Phänomenen bzw. Strukturen geführt haben und – in Anlehnung an die Kybernetik und Systemtheorie – vernetzt zu denken (ist nicht mit dem klassischen "Hausverstand" gleichzusetzen, der im Alltag seinen Platz hat).

Ansonsten finden sich die Europärer mittelfristig in einem rein kompetitiven Leistungskontext wieder, wie man ihn eben aus Asien kennt. Nur dass wir zukünftig nicht nur untereinander wetteifern müssen, sondern auch gegen die künstliche Intelligenz.
Hier kommen wir zu guter Letzt zum sog. "Transhumanismus", wo Menschen sich schließlich Chips und andere "Verbesserungen" implantieren bzw. anschließen lassen, um "vorne" im Wettstreit "der Besten" mithalten zu können.